Liebe Gemeinde...

Es ist Herbst geworden… die Tage werden kürzer, die Nächte kälter – also eine trübe und düstere Zeit? - Nein, es ist auch eine Zeit der Ernte… Niemals im Jahr zeigt uns die Natur so viele Farben und eine solch faszinie­rende Beleuchtung! Blät­ter werden bunt und Frü­chte werden reif...

Auch meine Amtszeit endet, bald kommt die Zeit des Ruhestands. Sicher­lich, es sind noch einige Monate und Tage, bis es so weit ist, aber – wie je­der weiß – man muss sich vorher darauf vorbereiten und einstellen… Ende Februar 2018 endet meine Amtszeit im aktiven Dienst der Evang.-Luth. Landeskirche.

Eine chassidische Legende sagt: „Nur für die Einfältigen ist das Alter der Winter. Für die Weisen ist es die Zeit der Ernte.“ Es kommt also auf die Perspektive an: Mit welchen Augen sehe ich zurück auf das, was war und welche Erwartungen inspirieren mich, wenn ich nach vorne blicke.

Ingrid, meine Frau, habe ich als Lehr-Vikar in Gräfelfing kennengelernt. Als ich Pfarrer z.A. in Landshut war, haben wir geheiratet und Andreas wurde geboren. 5 ½ Jahre waren wir dann in der Gemeinde in Kirchheim bei Mün­chen. Ulrike wurde am Sonntag „Kantate“ geboren, am Tag der Einwei­hung der Kirche. Michael war noch ganz klein, als wir 1990 nach Tokyo (Japan) umgezogen sind. Im Pass von Georg, dem Jüngsten, steht Tokyo als Geburtsort. An unseren Kindern erkennen wir, wie lange dies alles zurückliegt. Die Zeit in Lindau (1996 – 2006) bleibt uns allen sehr plastisch im Gedächtnis. Mir war es damals ein Anliegen, dass der Internationale Bodenseekirchentag, der alle Anrainer-Kirchen ökumenisch rund um den Bodensee verbindet, auch in Lindau stattfindet. In diesen fast 38 Jahren hat sich die Welt um uns herum rasant verändert, wir selber haben uns verändert und jede Lebensstation und jede Gemeinde war eine eigene Herausforderung… All diese Höhen und Tiefen erlebt man als Evangelischer Pfarrer nicht allein: Ingrid war immer an meiner Seite. Auch ihr war es immer wichtig, aktiv in der Gemeinde mitzuwirken. Das ist nicht nur ein Segen für jede Gemeinde, in der der Pfarrfrau immer auch eine große Rolle zukommt, es ist auch ein wesentliches Korrektiv für jeden, der sich diesem öffentlichen Amt als Pfarrer stellt.

Heute ist mir klar: Ernte, das ist nicht nur, was man beruflich geleistet hat, was man an Projekten in Gang bringen konnte, wie sich die Familie entwickelt hat und wie sich manches, was anfänglich sehr schwierig er­schien, zum Positiven hin verändern konnte, Ernte ist wohl auch, dass ich selbst zu einer Art Frucht reifen durfte: Denn erst mit der Zeit kommt man seinem wahren Wesen näher. Aus manchen Tiefpunkten findet man zurück in einen fruchtbaren Entwicklungsprozess. Und in großer Dankbarkeit dürfen wir beide zurück blicken auf vieles, was gelungen ist…

Heute ist es ein Kennzeichen unserer gesamten Kirchengemeinde Alt­ötting, dass viele, viele Mitarbeitende sich mit ihrer Evangelischen Gemein­de identifizieren, dass da immer jemand da ist, wenn man Hilfe braucht und dass dadurch auch unsere Kirchengemeinde eine erstaunliche Ausstrah­lung bekommen hat. Wir sind dafür zutiefst dankbar und würden uns un­bändig darüber freuen, wenn diese Lebendigkeit erhalten bliebe!

 Schon im Alten Testament begegnet uns ein Gott, der mit denen zieht, die bereit sind, sich immer wieder auf den Weg zu machen. Wir – Ingrid und ich – hoffen nun, dass er uns nun auch begleitet, wenn wir erneut um­ziehen werden im nächsten Jahr, nicht sehr weit weg, aber immerhin in eine Region, die schon außerhalb unseres Dekanats liegt.

 Es war übrigens ein Wort aus dem Psalm 139 (der als Psalm über unserer kirchlichen Trauung stand), das uns damals getrost in die Ferne ziehen ließ, als wir 1990 nach Japan gingen: „Nähme ich die Flügel der Morgen­röte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.“

 

„Adieu!“ – das heißt nichts anderes als: „Seid Gott anbefohlen!“

 

Ihre Ingrid und Ihr Hans-Ulrich Thoma